gott: auch heute frei und lebendig
Stellungnahme der ESWTR zum "Herrenwort" in neuen christlichen Bibelübersetzungen und zur römisch-katholischen Liturgieinstruktion
Die Bibel ist eine Sammlung historischer Texte höchst unterschiedlicher Herkunft und Gestalt aus einem Zeitraum, der insgesamt mehr als tausend Jahre umfasst. Gleichzeitig ist sie zentraler Orientierungstext für verschiedene Glaubensgemeinschaften und hat als solcher den Anspruch, Frauen, Männern und Kindern in immer neuen Kontexten Autorität, Lebenshilfe und Motivation zum guten Dasein und Handeln zu sein. Dieses Verwobensein zweier Qualitäten führt zu immer neuen Bemühungen, den Bibeltext in veränderte Situationen hinein sprechen zu lassen: Neue Theologien, Auslegungen, Übersetzungen versuchen, die Spannung zwischen feststehendem Urtext und veränderten Rezeptionsbedingungen konstruktiv zu bearbeiten. Den periodisch unternommenen Neuübersetzungen der Heiligen Schriften in moderne Sprachen kommt dabei eine herausragende Bedeutung zu, da sie in besonderer Weise auf Texttreue verpflichtet sind und gleichzeitig den gültigen Wortlaut des biblischen Textes in einem bestimmten sich ständig wandelnden Umfeld auf Jahrzehnte festlegen.
Die inzwischen zu einer weltweiten Bewegung angewachsene Feministische Theologie stellt die wohl tiefstgreifende Erneuerung von Religionen zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts dar. Sie stellt vor allem das Christentum in Frage, insofern als es dem weiblichen Geschlecht nur bedingt Heimat sein kann, solange in Liturgie, Lehre und Praxis nicht deutlicher als bisher der Eindruck vermieden wird, es identifiziere das Göttliche mit dem männlichen Geschlecht. Wo Gott fraglos und durchgehend als männlicher Schöpfer und Gesetzgeber, als Herr und Vater angesprochen wird, geraten Frauen notwendigerweise in die Position des anderen, des gottfernen oder gar des widergöttlichen Geschlechts, das in seinem Transzendenzbezug auf männliche Vermittlung angewiesen bleibt. Je länger je mehr empfinden Frauen diese randständige Position, die in vielen Fällen auch den konkreten Ausschluss aus Leitungspositionen, religiöser Bildung und Praxis nach sich gezogen hat, als unangemessen, als unverschuldetes und unnötiges Leiden, als Ungerechtigkeit und Hindernis auf dem Weg zum vollen Menschsein und umfassender Gerechtigkeit.
Während sich viele Frauen deshalb schon von der institutionalisierten Religion abgewandt haben, sind andere auf die Suche gegangen nach Antwort auf die Frage, ob die überkommenen patriarchalischen Gestalten der religiösen Gemeinschaften deren ursprünglich gemeintem Sinn entsprechen: Sind sie grundlegend androzentrische Religionen, oder lassen sie sich aus ihren ureigenen Impulsen und Anliegen heraus transformieren zu Glaubensgemeinschaften, in denen beiden Geschlechtern gerechter Zugang zum Heil und erfülltes Leben im Glauben möglich ist?
Längst ist deutlich geworden, dass es beim transformatorischen Projekt der feministischen Theologie um den kontinuierlichen Fortbestand der Religionen gehen wird. Denn immer mehr Frauen, traditionell die Tradentinnen und Bewahrerinnen des Religiösen im Alltag, sind nicht länger bereit, sich in Zusammenhängen zu engagieren, die ihnen die volle Teilhabe absprechen und ihnen allzuoft durch eine ausdrückliche Abwertung ihres Geschlechts Leid- und Entfremdungserfahrungen zufügen.
Angesichts der Tragweite der feministisch-theologischen Transformation legen wir Protest ein, dass in laufenden Projekten zur Neuübersetzung der Heiligen Schrift - so dem Projekt "Neue Zürcher Bibel", der "Neuen Bibelübersetzung der Niederlande" -, aber auch in der neuen römisch-katholischen Liturgieinstruktion mit ihren Richtlinien zur Übersetzung liturgischer Bücher, durch befreiende Gerechtigkeit und der Intention der Texte begründete Einsprüche von Frauen mit dem bloßen Hinweis auf Urtext- und Überlieferungstreue zurückgewiesen werden. Vor allem legen wir den Finger darauf, dass durch die von der Septuaginta initiierte Übersetzung des Tetragramms JHWH mit "Kyrios" und in der Folge mit lat. "Dominus" (Herr) die Identifizierung des Göttlichen mit dem Männlichen suggeriert wird. Diese Einengung wird dem Namen Gottes nicht gerecht. Der Anspruch der Frauen auf volle Repräsentation ihres Geschlechts und ihre Kritik an einer jahrhundertealten Tradition der Absolutsetzung des Männlichen wird damit weiterhin ignoriert.
Der Rückzug auf die vorgebliche Treue zur Überlieferung verfehlt die von der feministischen Theologie in neuer Art und Weise gestellte Frage nach der Intention der biblischen Texte. Aufgabe von Übersetzung, Auslegung, Theologie und Liturgie kann heute nicht mehr das ängstliche Festhalten an einer Tradition einseitig männlicher Gottesnamen sein, sondern die gemeinsame Suche nach einer angemessenen Sprache, die das Göttliche als geheimnisvollen Sinnhorizont, als kritisches und liebendes Gegenüber für alle gläubigen Menschen heilsam und befreiend zum Ausdruck bringt.
Salzburg, den 23. 8. 2001